Endlich gut schlafen mit Nina RugeNina Ruge ist ein Vollprofi. Ihr Anzug sitzt, die Haare glnzen, ihre Haltung ist gerade, die Stimme souvern. Auch der Inhalt ihrer Sendung ber Lebensfragen und -gestaltung ist durchdacht: Die Gste reprsentieren die ganze Bandbreite des Themas, die Dramaturgie des spten Talks mit dem Titel „Onlinesucht“ ist perfekt.

Das Fallbeispiel des 18-jhrigen Marius, der sich zwei Jahre in sein Zimmer verkrochen hatte und 18 Stunden am Tag („oder mal drei Tage ohne Pause“) Rollenspiele im Internet spielte, rhrte an. Der Junge war blass, dnn, stotterte, man litt mit ihm. Als er dann am Ende seiner Geschichte erzhlte, wie er seinen Computer auseinander geschraubt und zerstrt hatte – und dabei sehr nett lchelte, atmete man befreit auf. Ja, alles wird gut!

Doch dann kam das Sandmnnchen auf den Plan. Es hat erkannt, dass es einfaches Spiel haben wrde: Immerhin war es schon nach 23 Uhr, dann dieses nicht gerade prickelnde Thema (dessen einziger prickelnder Aspekt „Online-Sex“ weggelassen wurde) und dazu diese unaufregende Dauerharmonie zwischen all den sehr freundlichen Menschen. So rieben wir uns also mde die Augen, whrend Nina Ruge souvern Frage an Frage reihte, den Gsten aber trotzdem angenehm viel Raum zur Antwort einrumte.

Das Problem war nur: Die Antworten hatte man schon vorher erwartet, die Fragen beinahe auch – und die Schlussfolgerungen sowieso. Natrlich ist das Internet Fluch und Segen zugleich. Und natrlich macht einen ein Internet-Spiel allein nicht schtig, so Horst Wagner von Pixelpark, so die Selbsthilfe-Gruppen-Grnderin Gabriele Farke, so der Psychologe Dr. Bertte Wildt und so der Ex-Online-Junkey Marius. Also, so die Moral von der Talkrunde, mssen wir unseren Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Medium beibringen. Aha. Die Probleme liegen ganz woanders. Und worin sich wirklich alle ganz, ganz einig waren: Spiele verbieten bringt gar nichts. Nein, nein.

Zwischendurch sprach die ehemalige Leute-heute-Frontfrau dann noch mit dem Pfarrer einer Internetkirche und sie lie sich von einem Abiturienten das Spiel „Warcraft“ erklren, um ihn aber in Wahrheit ganz hart journalistisch ber seinen Online-Konsum auszufragen – und ihn anschlieend als infantil zu bezeichnen und vom Psychologen „mit Sorge“ betrachten zu lassen. Ein bisschen fies, wo einem der junge Mann doch so glcklich vorkam. Aber immerhin ein kleiner Wachmacher.

Den Job htte Horst Wagner von Pixelpark auch gut bernehmen knnen, denn er sah frisch und offen aus, und er hat sechs Kinder. Bemerkenswert in unserer heutigen Zeit. Htte dieser attraktive Mann doch nur mehr von sich und seiner Familie erzhlt, es wre ein unterhaltsamer Abend geworden. Aber Frau Ruge ist ja nun mal Vollprofi und blieb beim Thema. h – ghn – wie war das noch mal?

Ach, ja. Das bse Internet. Oder das gute? Der Psychologe erklrte uns noch einmal, dass ohne psychische Erkrankung niemand onlineschtig wird, die rstige Edith Randecker erzhlte von ihren Senioren-Computer-Schulungen und den Mglichkeiten des Internets fr alte Menschen, die Dame von der Selbsthilfegruppe suchte noch einen Sponsoren fr ein Haus fr Netz-Schtige. Und als wre das nicht alles schon genug des Happy Ends, sagte Nina Ruge dann noch einmal mit pastoraler Stimme, dass Marius bestimmt nie mehr einsam sein wird. Von wegen, alles wird gut. Alles wird zu gut.

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