Unsere Filme sind ein Gegenmittel zum Gefhl der DemtigungKein Zweifel, das griechische Kino besitzt zurzeit mehr knstlerischen Eigensinn als das restliche europische Kino zusammen. Und es besitzt sogar eine radikal eigensinnige Galionsfigur: Yorgos Lanthimos, die griechische Wiedergeburt von Luis Buuel. Vor drei Jahren drehte der 39-Jhrige den Film Kynodontas (Hundezahn), eine Groteske ber verkommene Brgerlichkeit, die auch fr den fremdsprachigen Oscar nominiert wurde. Sie handelt von einem Ehepaar, das seine drei erwachsenen Kinder abgeschottet von der Auenwelt auf einem luxurisen Anwesen auerhalb der Stadt gefangen hlt. Auf einer Audiokassette bringt eine orwellsche Stimme den Geschwistern bewusst falsche, sinnentstellende Wortbedeutungen bei. Gemeinsam schchtern die Eltern ihren Nachwuchs mit der Behauptung ein, dass jenseits des gepflegten Gartens ein wildes Tier lauere. Die als Schutz und Liebe maskierte elterliche Gewalt wird in klaustrophobisch angeschnittenen Einstellungen ins Bild gesetzt. Kynodontas ist ein Film ber Erziehung als Deformation, ber eine Generation, die sich die nchste zum unmndigen Untertan, zum Haustier macht. Was ist der Mensch? Diese Frage beantwortet Yorgos Lanthimos mit einer Geschichte ber Kinder, denen das Menschsein verwehrt wird.

In Lanthimos‘ neuem Film Alpen ist die Antwort sogar noch radikaler: Der Mensch ist ein Krper, der an die Stelle eines anderen Krpers treten kann. Zwei Frauen und zwei Mnner bilden in dieser bsartigen Farce eine Art Minisekte mit dem Namen Alpen. Die Gruppenmitglieder bieten Hinterbliebenen, die einen geliebten Menschen verloren haben, an, den Toten zu ersetzen: durch Besuche in der Familie, durch immer gleich ablaufende Rollenspiele und kleine Verkleidungen. Alpen (deutscher Kinostart am 14. Juni) irritiert durch die Verbindung von absurder Geschichte und vllig realistischer Form. Und auch wenn das Spiel mit den Identitten irgendwann eskaliert – beim Betrachten des Films bekommt die Vorstellung, die eigenen verstorbenen Groeltern durch Alpen-Abgesandte ersetzen zu lassen, pltzlich eine schne Plausibilitt.

In Griechenland gibt es keine Filmhochschule und auch keinerlei Filmfrderung mehr. Wie kann es sein, dass in den Trmmern dieses Landes ein so starkes, vielfltiges Kino herangewachsen ist – und weiter floriert? Unsere Filme sind ein Gegenmittel zum Gefhl der Demtigung, das die griechische Bevlkerung zurzeit empfindet. Kino zu machen ist ein verzweifelter Partisanenkampf gegen den Zerfall, sagt die Regisseurin Athina Rachel Tsangari, die mit ihrer feschen Mtze selbst wie eine Partisanin aussieht. Und vor allem hat meine Generation von Filmemachern keine Lust, in Cafs herumzusitzen und ber das fehlende Geld fr Kultur zu jammern. Schon seit ein paar Jahren entstehen die Filme des jungen griechischen Kinos mit privaten Mitteln, aus knstlerischen Arbeitsgemeinschaften und Netzwerken. Die Regisseure tauschen sich aus und arbeiten auch ganz praktisch freinander. Tsangari produzierte zum Beispiel alle bisherigen Filme von Yorgos Lanthimos. Lanthimos wiederum spielt in Attenberg den Liebhaber der jungen Heldin.

Es muss diese Mischung aus Verzweiflung und Enthusiasmus sein, die den Filmen ihre Eindringlichkeit verleiht und ihre Schnheit. Sie entwerfen Visionen der Endzeit und der Depression, ohne selbst depressiv zu sein. Mit offenem Visier blicken sie ins Auge einer zerschredderten Gesellschaft. Sie berhhen, abstrahieren und surrealisieren den groen Schlamassel – und landen doch immer wieder unerschtterlich beim Einzelnen.

Was ist der Mensch? Attenberg von Athina Rachel Tsangari begegnet der Frage jedenfalls mit einer so schlichten wie schlagenden Definition: ein Wesen, das seinem Partner beim Sex in die Augen sieht, seine Angehrigen bestattet und fhig zur Freundschaft ist. Das ist vielleicht keine Antwort auf einen Staatsbankrott, aber auf der Leinwand doch eine in ihrer Trstlichkeit nicht zu unterschtzende Erkenntnis.

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